Monthly Archives: September 2016

Artikel im Online-Portal „Infosperber“

Im Online-Portal „Infosperber“: Stellungnahme Turkawkas am 8.6.2016 zum Sonntagszeitungsartikel vom 5.6.2016

Der Autor Jürgmeier schreibt am Schluss seines Berichts folgende Erklärung und hängt den Beitrag von G. Turkawka an:

„PS. Aufgrund des obigen Textes haben wir folgende Stellungnahme des Leiters der Sekundarschulgemeinde Niederhasli/Niederglatt/Hofstetten Gregory Turkawka erhalten, die nahelegt, dass die Darstellung in der SonntagsZeitung nicht die ganze Realität wiederspiegelt und deshalb zu Vermutungen führt, die der Situation vor Ort teilweise nicht gerecht werden:

«Die genannten zehn Lehrpersonen haben Niederhasli in den Jahren 2010, 2011 und 2012 verlassen, lange bevor wir uns überhaupt mit selbstorganisierten Lernformen oder neuen Organisationsformen konkret auseinandergesetzt haben. Unsere aktuelle Schulorganisation wurde während dreier Jahre intensiv mit dem – immer noch aktuell bei uns arbeitenden – Team erarbeitet (wir haben praktisch keine Fluktuation seit vier Jahren an der Seehalde). Für die Schulentwicklung investierte die Schulpflege rund 300’000 Franken in Weiterbildung und nochmals etwa den gleichen Betrag in räumliche Anpassungen. Wir haben und hatten die Ressourcen für eine sorgfältige Vorbereitung und für die qualitätssichernde weitere Entwicklung. Und: Verordnet wurde hier übrigens gar nichts. Das Team hat unsere Organisationsform massgeblich selber entwickelt. Die mittels Stellwerk messbaren fachlichen Leistungen unserer SchülerInnen sind heute insgesamt weit über den Ergebnissen vom Frühjahr 2011, als die drei im Bild dargestellten Lehrpersonen bei uns unterrichtet haben und ihre Lernenden getestet wurden. Hier ist ein direkter Vergleich möglich.»

Darauf reagierte Suzanne Weigelt, eine der erwähnten ehemaligen Lehrpersonen und Mitglied der IG Schule NiNiHo, in einem Leserbrief, der im Wospi vom 22.6.2016 veröffentlicht wurde, folgendermassen: (für den originalen Leserbrief siehe Link zum Wospi: http://www.wochenspiegel.ch/uploads/media/Wospi_22_06_2016.pdf

„Eigengoal des Schulleiters

Eine als Steilpass geplante Diffamierung der drei Lehrpersonen, die sich im SonntagsZeitungsartikel vom 5.Juni kritisch zum Schulmodell in Niederhasli geäussert hatten, ist zum Eigengoal geworden. Gregory Turkawka , der Schulleiter der Sekundarschule Seehalde, die in letzter Zeit von Eltern und in den Medien unter Beschuss geraten ist, antwortet auf besagten Artikel in einer Stellungnahme auf dem Onlineportal Infosperber: „Die mittels Stellwerk messbaren fachlichen Leistungen unserer SchülerInnen sind heute insgesamt weit über den Ergebnissen vom Frühjahr 2011, als die drei im Bild dargestellten Lehrpersonen bei uns unterrichtet haben und ihre Lernenden getestet wurden. Hier ist ein direkter Vergleich möglich.“ (Zitat G. Turkawka, Infosperber, 8.Juni)

Wenn der Schulleiter Turkawka die aktuellen Stellwerktest-Resultate mit den schlechteren von 2011 vergleicht („als die drei im Bild dargestellten Lehrpersonen bei uns unterrichtet haben“), so kritisiert er sich selbst! Turkawka war nämlich damals selber Klassenlehrer seines ersten Klassenzugs seit er die Quereinsteigerausbildung abgeschlossen hatte; von den weiteren drei Klassenlehrern gehören zwei zu seinen treuesten Anhängern (ebenfalls mit ihrem ersten Klassenzug) und der letzte war der zitierte Jean-Daniel Amuat, der 30 Jahre lang mit sehr soliden Noten und bestem Ruf in Niederhasli unterrichtet hatte. Turkawka unterrichtete damals die Stellwerk-relevanten Fächer Englisch an seiner A-Klasse und Mathe. Das ist der einzige Leistungsausweis, den wir von Turkawka als Klassenlehrer einer A-Klasse haben, denn danach wechselte er ja in die Schulleitung und muss heute keine Stellwerktests als Lehrer mehr verantworten.

Herr Turkawka wünscht den Vergleich, tun wir ihm doch den Gefallen:

Als Jahrgangsteamsleiterin des besagten Jahrgangs von 2.Klässlern kenne ich die Stellwerk-Resultate genau.

Fakt ist, dass die A-Klassen (Klassenlehrer Turkawka und Amuat) 2011 nur in Englisch schlechter abschnitten als 2014 und 2015.

Im Fach Französisch, welches Amuat und ich (Weigelt) bei den A-Klassen zu verantworten hatten, waren die Schüler 2011 um 71 Punkte besser als 2015, was rund 17% entspricht!

Turkawkas „insgesamt weit über den Ergebnissen“ sind tatsächlich für 2014 0% Abweichung und für 2015 1 % Verbesserung! So jongliert er mit Zahlen und Fakten! Schon wieder ein Eigengoal!

Wir drei genannten Lehrpersonen haben übrigens gemeinsam 82 Jahre Lehr-Erfahrung mit Teenagern, was vermutlich die jüngere Hälfte des jetzigen Lehrkörpers zusammen nur knapp toppen kann; zusammengezählt haben wir bisher ungefähr 6500 Teenager unterrichtet – wir sind also nicht ganz unerfahren.

Suzanne Weigelt, ehemalige Jahrgangsteamleiterin an der Seehalde“ (Ende des Wospi-Leserbriefs)

Weitere Falschaussagen Turkawkas sind:

„Die genannten zehn Lehrpersonen haben Niederhasli in den Jahren 2010, 2011 und 2012 verlassen, lange bevor wir uns überhaupt mit selbstorganisierten Lernformen oder neuen Organisationsformen konkret auseinandergesetzt haben.“

Konkret haben wir uns nicht damit befasst, weil wir das nicht wollten und vorher kündeten. Aber Theorien und Weiterbildungen haben wir seit 2009 zuhauf mitgemacht, Schulen mit ähnlichen Profilen besucht und an unzähligen Konventen darüber diskutiert. Wir drei verliessen die Schule ja erst 2012; wir hatten also durchaus eine Vorstellung der Dinge, die da kommen würden. Es ist nicht richtig, wenn Turkawka den Eindruck entstehen lässt, die ganze, riesige Umstellung sei erst seit 2012, mit dem jetzigen Team erfolgt. Das Ganze wurde von langer Hand geplant, und ist jetzt genau so umgesetzt, wie er es sich erträumt hat.

Bei den B-Klassen (Lang und Nitz) waren die Schüler 2011 tatsächlich in Mathe und den Sprachen schlechter als 2015. Diese beiden Lehrer unterrichten aber weiterhin an der Seehalde. In Biologie waren die Schüler sogar leicht besser als heute.

Wenn wir die durchschnittlichen Punkte der A- und B-Klassen in den 5 getesteten Fächern von 2015 zusammenzählen, ergibt das 2170 Punkte. Die insgesamte Abweichung zu 2011 beträgt gerade mal 29 Punkte, was 1 % ausmacht. Turkawka spricht aber voninsgesamt weit über den Ergebnissen„. So jongliert er mit Zahlen und Fakten! Schon wieder ein Eigengoal!

NZZ 19.8.16 Gastkommentar R.Dubs

Vielgestaltigkeit ist gefragt

NZZ vom 19.8.16, Gastkommentar von Rolf Dubs

Immer öfter orientieren einzelne Schulbehörden und Schulen die Eltern, dass sie die Schüler mit selbstgesteuertem Lernen zu einer grösseren Selbständigkeit führen und damit besser auf das lebenslange Lernen vorbereiten wollen. Gelingen kann dies ihrer Meinung nach nur, wenn die Lehrpersonen ihre Aufgabe neu verstehen: Aus «Belehrenden» sollen «Lernberater» oder «Lerncoaches» werden. Dies macht auch Veränderungen im Umfeld der Schule nötig. Die Schulhäuser sind mit mehr Gruppenräumen und Arbeitsecken auszugestalten, moderne Medien müssen bereitgestellt werden und auf das selbständige Lernen ausgerichtete Lehrmittel entwickelt werden. All dies führt vielerorts zu Kontroversen bei Eltern wie auch Lehrpersonen. Was ist davon zu halten?

Es braucht guten Frontalunterricht

Ein guter Frontalunterricht beruht auf einem das Verstehen fördernden Dialog zwischen der Lehrperson und den Lernenden, in welchem nicht primär Fakten gelehrt werden, sondern dialogisch Lernprozesse (z. B. Sachverhalte analysieren, Probleme lösen, neue Ideen finden, Wertvorstellungen beurteilen) erarbeitet und anwendbar gemacht werden sowie Wissensstrukturen (Vernetzung von Wissenselementen) aufgebaut werden. Ein so verstandener Frontalunterricht ist weiterhin bedeutsam, es darf darauf nicht dogmatisch verzichtet werden. Zwar genügt ein noch so guter Frontalunterricht für die Vorbereitung des selbständigen Lernens und als Grundlage für das lebenslange Lernen für sich allein nicht mehr, dass aber umgekehrt Formen des selbständigen Lernens für sich allein bessere Lernerfolge bringen als ein guter Frontalunterricht, ist eindeutig widerlegt. Selbständiges Lernen gelingt nur, wenn es zuvor systematisch angeleitet wird. Und dazu braucht es – vor allem angesichts der knappen Unterrichtszeiten – auch weiterhin einen guten Frontalunterricht, in welchem das fachbezogene Strukturwissen und die darauf ausgerichteten Strategien (Arbeitstechniken, Lern- und Denkstrategien, affektive und emotionale Strategien) im Dialog erarbeitet und in verschiedenen Situationen angewendet werden. Zu beachten ist dabei, dass es nur wenige fächerübergreifende Strategien gibt. Der Fachunterricht bleibt deshalb weiterhin eine unabdingbare Voraussetzung für ein später erfolgreiches selbständiges Lernen.

Die Kontroverse über «belehrenden Unterricht» contra «selbständiges Lernen» ist also sinnlos. Guter Unterricht beruht auf einer gezielten Kombination von beidem, indem jeweils die Grundlegung eines Lerngebietes (Wissensstrukturen und Strategien) im Interesse eines bleibenden Lernerfolges zunächst angeleitet im Frontalunterricht entwickelt werden sollte und erst im fortschreitenden Unterricht zum selbständigen Lernen übergegangen wird, also erst dann, wenn die Schülerinnen und Schüler über das Vorwissen und die nötigen Lernprozesse verfügen.

Wann in den einzelnen Lerngebieten vom Frontalunterricht zum selbständigen Lernen übergegangen werden soll, hängt vom Lernstand einer Klasse ab, der von der Lehrperson immer wieder zu beurteilen ist. Aus Untersuchungen sind für den Schulalltag zwei Entscheidungskriterien massgeblich: Verfügt erstens eine Klasse in einem bestimmten Lerngebiet über ein gutes strukturiertes Wissen und kann sie Strategien einsetzen, so soll der Wechsel vom Frontalunterricht zum selbständigen Lernen möglichst rasch erfolgen. Lernstarke Klassen profitieren nach einer kürzeren Phase des Frontalunterrichtes vom selbständigen Lernen mehr als lernschwache Klassen. Ob dies auch für den selbständigen computergestützten Unterricht zutrifft, ist immer noch nicht abschliessend geklärt. Zweitens spielt für den Entscheid des Überganges auch die soziale Herkunft der Schüler eine Rolle. Solche aus einem bildungsreichen Milieu finden sich im

21.8.16 6 selbstgesteuerten Lernen rascher und besser zurecht als solche aus einem

bildungsarmen Milieu.

Dogmatische Ansätze meiden

Das hier vertretene Konzept der Kombination von Belehrung und Lernberatung wird oft mit der Begründung verworfen, angesichts der abnehmenden Halbwertszeit des Wissens (in etwa vier Jahren ist die Hälfte des heutigen Wissens bedeutungslos geworden) und der elektronischen Informationssysteme werde dem Wissen in der Schule zu viel Bedeutung geschenkt. Entscheidend seien die grundlegenden Lernprozesse (Strategien). Deshalb sollen sich Lehrpläne und Unterricht auf allgemeingültige Strategien (oder bereichsübergreifende Kompetenzen) konzentrieren. Diese Auffassung ist aus zwei Gründen nicht richtig: Erstens gibt es bei der Entwicklung von Strategien kein Lernen ohne Wissen. Wer nichts weiss, kann weder Probleme lösen noch intellektuell kreative Ideen entwickeln. Und zweitens dienen die Dialoge im Frontalunterricht nicht mehr einer «Stoffhuberei» (Vortragen vieler Fakten), sondern es wird gezielt Wissen erarbeitet, das v. a. benötigt wird, um die Strategien anwenden zu können.

Die teilweise einseitige Überbetonung des selbständigen Lernens im Vergleich zum Frontalunterricht ist ein Beispiel für die üblichen Pendelschläge in der Pädagogik. Statt Einseitigkeiten sollte die Vielgestaltigkeit die Schule und ihren Unterricht charakterisieren, dogmatische Ansätze müssen vermieden werden. Mit ihnen allein lässt sich die Schule nicht grundlegend verbessern.

Rolf Dubs war von 1969 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität St. Gallen.